Chinesische Automobilhersteller drängen nach Europa. Für die deutschen Werke birgt dies sowohl Risiken als auch Chancen, die Auslastung zu steigern, Arbeitsplätze zu sichern und neue Impulse zu setzen.
Die deutsche Automobilindustrie sieht sich mit einer entscheidenden Herausforderung konfrontiert. Olaf Lies, der Ministerpräsident von Niedersachsen, äußerte in einem Interview, dass man prüfen müsse, ob in den deutschen VW-Werken künftig auch chinesische Fahrzeuge produziert werden könnten. Er begründete dies mit dem zunehmenden Druck, den chinesische Hersteller auf den europäischen Markt ausüben. Lies betonte, dass Deutschland nicht nur tatenlos zusehen sollte, wie diese Autos importiert werden, sondern aktiv an der Wertschöpfung teilnehmen müsse. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Einbindung der Zulieferer. Diese Äußerungen sind besonders brisant, da Lies im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt und Niedersachsen 20 Prozent der Stimmrechte hält. Der Wolfsburger Automobilhersteller sieht sich aufgrund rückläufiger Verkaufszahlen gezwungen, mehrere Werke zu überprüfen, darunter auch einige in Deutschland. Mercedes startet Rückruf wegen technischer Mängel an Antriebssystemen beliebter Modelle.
Notwendiges Übel
Die Diskussion um die Zusammenarbeit mit chinesischen Herstellern hat an Fahrt aufgenommen. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter schlug in einem Interview vor, ein Joint Venture zwischen Volkswagen und einem chinesischen Automobilhersteller zu gründen, um ungenutzte Produktionskapazitäten in Sachsen zu nutzen. Dies verdeutlicht die kritische Lage bei Volkswagen, insbesondere am Standort Zwickau, der als Vorzeigeprojekt für die Elektromobilität gilt. Die Fabrik wurde 2019 umfassend umgebaut, um ausschließlich Elektrofahrzeuge zu produzieren. Aktuell werden dort Modelle wie der VW ID.3, der Audi Q4 e-tron und der Cupra Born gefertigt. In den kommenden Jahren könnte jedoch eine Produktionslinie wegfallen, was die Situation weiter verschärfen würde.
VW prüft bereits Optionen
Die Forderungen der Politiker sind nicht aus der Luft gegriffen. VW-Chef Oliver Blume hatte bereits zuvor angedeutet, dass man die Möglichkeit in Betracht ziehe, in Europa Fahrzeuge zu produzieren, die in China entwickelt wurden, oder Modelle von chinesischen Partnern. Bis 2030 plant Volkswagen, mehr als 35.000 Arbeitsplätze sozialverträglich abzubauen und die Produktionskapazitäten erheblich zu reduzieren. Blume warnte davor, aus Stolz leere Werke zu verteidigen. Martin Geißler von der Unternehmensberatung Argon & Co. wies darauf hin, dass China von Deutschland gelernt habe und die Lernrichtung sich nun umkehren könnte. Chinesische Hersteller haben in Bereichen wie der Industrialisierung von Elektrofahrzeugen, Kostenmanagement und Entwicklungsgeschwindigkeit mittlerweile die Nase vorn. Wie reagiert die EU auf die drohende Energiekrise?
Strategische Überlegungen
Die Überlegung, chinesische Hersteller ins eigene Unternehmen zu integrieren, mag auf den ersten Blick gewagt erscheinen, könnte jedoch langfristig von Vorteil sein. Volkswagen hat bereits jahrzehntelange Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit chinesischen Automobilherstellern. Stellantis hat mit Leapmotor bereits einen Schritt in diese Richtung unternommen. Der Leapmotor B10 soll im spanischen Werk Figueruelas bei Saragossa gefertigt werden, und in zwei Jahren ist auch die Produktion eines neuen batterieelektrischen Opel-C-SUV geplant, das auf Komponenten von Leapmotor zurückgreift. Die Logik hinter diesen Entscheidungen ist klar: Der Aufstieg der chinesischen Hersteller in Europa ist unvermeidlich, und es ist besser, davon zu profitieren, als tatenlos zuzusehen.
Chinas Interesse an deutschen Werken
Das Interesse chinesischer Hersteller an deutschen Produktionsstätten ist nicht nur auf die europäischen Automobilhersteller beschränkt. Chinesische Marken, die in Europa nicht nur Volumen, sondern auch Akzeptanz und Prestige gewinnen möchten, könnten von einer Produktion in Deutschland profitieren. Marken wie Zeekr, Denza und Xpeng könnten durch eine deutsche Fertigung ihr Image aufwerten. Insbesondere für BYD wäre eine deutsche Produktion von Denza ein strategischer Vorteil, um das bisherige „Billig-China“-Image abzulegen. Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ hat in China nach wie vor einen hohen Stellenwert.
Technische Herausforderungen
Die technische Umsetzung der Produktion in deutschen Werken stellt in der Regel kein großes Problem dar, da die Produktionsstätten in China modern ausgestattet sind. Die Anpassung der europäischen Fabriken sollte technologisch machbar sein. Größere Herausforderungen könnten jedoch kulturelle Unterschiede und die Vielzahl an Regulierungen sowie starke Gewerkschaften darstellen, die chinesische Hersteller möglicherweise abschrecken könnten. Martin Geißler betont, dass es für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ein ehrliches Angebot braucht: Zugang zu den Standorten, pragmatische Governance und eine langfristige Perspektive. Ein halbherziger Deal, der von Misstrauen geprägt ist, wäre nicht zielführend. Letztendlich könnte der Einstieg chinesischer Hersteller in den deutschen Markt die Möglichkeit bieten, veraltete Strukturen abzubauen und den technologischen Rückstand der deutschen Automobilindustrie zu verringern. Der Einfluss der chinesischen Arbeitskultur könnte zudem den notwendigen Wandel in der Branche beschleunigen.
Quellen: Focus