In Deutschland sehen sich Unternehmen und Verbraucher mit stark steigenden Energiepreisen konfrontiert. Ökonomen warnen vor einer weiteren Verschärfung der Situation, die durch anhaltend hohe Preise, steigende Zinsen und mögliche Unternehmensinsolvenzen gekennzeichnet sein könnte.
Wer derzeit einen neuen Gas- oder Stromvertrag abschließt, wird schnell feststellen, dass die Kosten in Deutschland erheblich gestiegen sind. Laut dem Vergleichsportal Verivox ist der Gaspreis für Neukunden auf dem höchsten Stand seit drei Jahren. Eine Kilowattstunde kostet aktuell fast 11 Cent, was einem Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zu den Preisen vor dem Beginn des Iran-Konflikts entspricht.
Energiepreise als Treiber der Inflation
Die Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind im März stark angestiegen, was die Inflation weiter anheizt. Andreas Goldthau, Energieexperte der Universität Erfurt, erklärt, dass viele Verbraucher die Auswirkungen der Preissteigerungen erst in den kommenden Monaten spüren werden. „Die Preise für private Verträge sind fix, für Monate. Man merkt im Moment also noch nicht, wie sich die Preisentwicklung auf die einzelnen Haushalte niederschlagen wird“, so Goldthau.
Wenn die Verträge für Gas- und Stromlieferungen auslaufen, werden auch Unternehmen die steigenden Kosten zu spüren bekommen. Dies wird sich in Form von höheren Preisen für Produkte, insbesondere Lebensmittel, niederschlagen. Im März stieg die Inflation bereits auf 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, und Ökonomen erwarten, dass diese Rate weiter ansteigt.
Erwartungen an die Zinspolitik
Sollte die Straße von Hormus weiterhin blockiert bleiben, könnte die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen sein, bald mit einer Erhöhung der Zinsen zu reagieren. Dies würde die wirtschaftliche Lage zusätzlich belasten. Hans-Jörg Naumer, Kapitalmarktexperte bei Allianz Global Investors, äußert sich besorgt über die Wachstumserwartungen für Deutschland: „Wir hatten ohnehin schon ein sehr schwaches Wachstum. Und in diese schwache Wachstumsphase, die ja nochmal aufgebläht worden ist mit enorm vielen staatlichen Ausgaben, kommt jetzt dieser Energiepreisschock.“
Insolvenzen auf dem Vormarsch
Die Situation vieler Unternehmen ist bereits angespannt. Im ersten Quartal des Jahres wurden in Deutschland so viele Firmeninsolvenzen verzeichnet wie seit 20 Jahren nicht mehr, wie eine Statistik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zeigt. In den kommenden Monaten könnte die Zahl der Insolvenzen weiter steigen.
Verkehrsverbände warnen, dass die steigenden Kosten viele Unternehmen an den Rand ihrer Existenz bringen. Besonders betroffen sind Speditionen, Logistikunternehmen sowie Bus-, Taxi- und Mietwagenbetriebe. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Merz wird darauf hingewiesen, dass die Versorgung, Mobilität und Arbeitsplätze gefährdet sind.
Vorherige Herausforderungen für Unternehmen
Die angespannte Lage vieler Unternehmen ist jedoch nicht ausschließlich auf den Energiepreisschock zurückzuführen. Kapitalmarktstratege Naumer betont, dass bereits vor der Eskalation im Iran Rekorde bei den Energiepreisen verzeichnet wurden. Zudem sei Deutschland in Bezug auf Steuer- und Bürokratiebelastung weltweit führend, was die Herausforderungen für Unternehmen weiter verstärkt.
In dieser kritischen Lage werden die Rufe nach Entlastungen lauter. Angesichts der hohen Spritpreise plant die Bundesregierung, die Energiesteuer vorübergehend zu senken. Ökonomen sind jedoch skeptisch, ob dies den gewünschten Effekt erzielen kann. Die Spritpreise explodieren, und die Regierung hat bereits Maßnahmen beschlossen.
Langfristige Perspektiven für den Wirtschaftsstandort
Professor Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hebt hervor, dass kurzfristige Maßnahmen nicht ausreichen, um die Herausforderungen zu bewältigen. Es sei entscheidend, dass Unternehmen Vertrauen in eine stabile und bezahlbare Energieversorgung in den kommenden Jahren haben. „Wenn diese Perspektive da ist, dass die Rahmenbedingungen dafür gegeben sind, dann kommen wir auch durch eine kritische Situation jetzt in diesem Jahr durch“, so Neuhoff.
Bereits jetzt ist klar, dass die gegenwärtige Krise der Spritpreise sich bald in eine umfassendere Phase der Teuerung ausweiten könnte, die bereits begonnen hat.
- USA erlauben vorübergehend Kauf von russischem Öl – Ausnahme wegen Energiekrise
- Donald Trumps Wirtschaftskriege und Kriegswirtschaft
„`
Bildquelle: depositphotos