Hausarztpraxen stehen zunehmend im Fokus von Finanzinvestoren, was erhebliche Auswirkungen auf die Patientenversorgung hat. Hausärzte warnen vor einer Gefährdung der medizinischen Grundversorgung.
Investoren drängen in die hausärztliche Versorgung
Regensburg, Mitte April 2026. Der Hausarzt Wolfgang Ritter hat als Landesvorsitzender zum Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärztetag eingeladen. Auf der Agenda stehen bevorstehende Gesetzesvorhaben, die Einschnitte in die vertragsärztliche Versorgung mit sich bringen könnten. Ein weiteres Thema sorgt für Unruhe: Private-Equity-Finanzinvestoren drängen verstärkt in die hausärztliche Versorgung.
Ärzte äußern Besorgnis
Teilnehmer berichten, dass Labormedizinketten Hausarztsitze aufkaufen. Der Vorwurf lautet, dass sich die von Investoren geführten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf lukrative Leistungen konzentrieren, während wichtige hausärztliche Angebote vernachlässigt werden, was letztlich den Patienten schadet.
Ritter diskutiert mit seinem Kollegen Christian Pfeiffer, dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Pfeiffer betont:
„Es geht um die medizinische Grundversorgung.“
Diese sei in Gefahr.
Patienten im Fokus
Ritter schildert einen Fall aus seiner Praxis: Eine ältere Patientin berichtete von einer bevorstehenden Graue-Star-Operation. Nach eingehender Untersuchung stellte sich heraus, dass der Eingriff medizinisch nicht notwendig war.
„Patienten müssen sich auf Ärztinnen und Ärzte verlassen können“,
erklärt Ritter. Ein unabhängiger Hausarzt müsse in der Lage sein, fundierte Entscheidungen zu treffen, ohne von Renditeinteressen beeinflusst zu werden.
Renditedruck in MVZ
Berichte von Betroffenen zeigen, dass angestellte Ärzte in von großen Investoren betriebenen MVZ unter erheblichem Druck stehen, die Gewinnziele ihrer Arbeitgeber zu erreichen. Eine betroffene Person erklärt:
„In diesen MVZ hat man eigentlich immer die Erwartung, dass man fünf bis zehn Prozent EBITDA schafft.“
Dies bezieht sich auf den Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen.
Zusätzlich wird von einem „MVZ-System“ gesprochen, das aus zahlreichen Praxen und Laboren besteht. Ärzte sind sich bewusst, dass sie durch Laboraufträge Umsatz und Gewinn generieren können. Ein betroffener Betreiber hat auf wiederholte Anfragen zu den Vorwürfen nicht reagiert.
Qualität der Versorgung in Frage gestellt
Die Vertreter der Branche bestreiten, dass die Geschäftsmodelle von investorengeführten MVZ negative Auswirkungen auf die Qualität der medizinischen Versorgung haben. Sibylle Stauch-Eckmann vom Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren e.V. (BBMV) äußert:
„Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass wirtschaftliche Interessen in investorengetragenen MVZ systematisch die Behandlung beeinflussen.“
Studie zeigt andere Ergebnisse
Eine unveröffentlichte Studie, die dem ARD-Magazin Plusminus vorliegt, zeigt jedoch, dass die Eigentümerstrukturen einen erheblichen Einfluss auf die medizinische Versorgung haben. Martin Tauscher und Roman Gerlach von der KVB analysieren seit vier Jahren die Abrechnungsdaten der ambulanten Versorgung und haben festgestellt, dass die tatsächlichen Besitzverhältnisse oft komplex sind und häufig Private-Equity-Gesellschaften im Ausland dahinterstehen.
Weniger hausärztliche Leistungen
Die Unterschiede zwischen klassischen Hausärzten und den von Investoren geführten Praxen sind besonders auffällig. Laut Tauscher bieten 73 Prozent der Ärzte in investorengeführten MVZ nicht die gesamte Bandbreite hausärztlicher Leistungen an. Dies führt dazu, dass viele Patienten einen zweiten Hausarzt aufsuchen müssen, um die notwendige Versorgung zu erhalten. CDU-Vorstoß: Angemessene Kassenleistungen für Bürgergeldbezieher in der Diskussion
Monopolartige Strukturen
Die Analyse zeigt auch, dass von Investoren betriebene MVZ sich vor allem in Ballungsgebieten konzentrieren, während ländliche Regionen oft unberücksichtigt bleiben.
„Die räumliche Konzentration bringt einige Gefahren mit sich“,
warnt Gerlach. Ein potenzieller Ausfall eines dominierenden Anbieters könnte das ambulante System erheblich belasten.
Forderung nach Transparenz
Die Ergebnisse der Studie sollen Mitte des Jahres in der Fachzeitschrift BARMER Gesundheitswesen veröffentlicht werden. Tauscher und Gerlach hoffen, damit die Politik auf die Problematik aufmerksam zu machen und ein bundesweites MVZ-Transparenzregister zu fordern.
„Wir brauchen eine klare Regulierung, damit jeder Patient weiß, wo er behandelt wird“,
fordert Pfeiffer. Ritter erwartet von der Regierung ein „MVZ-Regulierungsgesetz“, wie im Koalitionsvertrag vereinbart. Stärkung der Medikamentenproduktion in Europa zur Sicherung der Gesundheitsversorgung
Quellen: tagesschau, hbmhealthcare, bondguide
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