Mit einer laufenden Lehr- und Versuchsübung unter dem Titel „Wie das Heer kämpfen wird“ sammeln Soldaten derzeit in Munster Erfahrungen im Umgang mit veränderten Bedrohungen. Diese Übung verdeutlicht die revolutionären Auswirkungen technologischer Fortschritte auf die Landstreitkräfte.
Neue Herausforderungen auf dem Gefechtsfeld
Die deutschen Landstreitkräfte ziehen grundlegende Schlüsse aus den veränderten Bedingungen auf dem Gefechtsfeld.
„Durch die Transparenz des Gefechtsfeldes, den technologischen Fortschritt und die Automatisierung der Waffen entstehen neue Möglichkeiten, auch über weite Entfernungen präzise zu wirken“,
erklärte Generalleutnant Christian Freuding, der Inspekteur des Heeres.
Im Rahmen der Übung in Munster wird auch Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet, der sich über die aktuellen Entwicklungen informieren möchte. Freuding betont, dass es für die Soldaten im Kampf keine geschützten Räume mehr gibt, was für die Landstreitkräfte weitreichende Konsequenzen hat.
„Die Massierung, also das gezielte Zusammenziehen und Konzentrieren von Truppe und Waffenwirkung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, war über Jahrhunderte die Voraussetzung für eine solche Schwerpunktbildung, für Initiative, für Entscheidung. Diese Massierung wird heute zum inhärenten Vernichtungsrisiko“,
so Freuding weiter.
Strategische Anpassungen erforderlich
Um den neuen Herausforderungen zu begegnen, ist es notwendig, dass die Soldaten aufgelockert und verteilt agieren, um nicht als leichtes Ziel zu gelten.
„Wir müssen künftig anders kämpfen“,
betont Freuding. Dies schließt auch die Vernetzung aller Ebenen und den Einsatz unbemannter Systeme ein.
Russland hat im vergangenen Jahr gegen die Ukraine schätzungsweise bis zu 300.000 Kleindrohnen sowie rund 100.000 sogenannte Kamikazedrohnen eingesetzt. Um gegen eine solche Masse bestehen zu können, sind kostengünstige Abwehrwaffen erforderlich, um die Durchhaltefähigkeit zu gewährleisten.
Kosten der Abwehrsysteme im Fokus
Die Drohnen, die Russland gegen die Ukraine einsetzt, stammen ursprünglich aus dem Iran und kosten derzeit etwa 25.000 Euro pro Stück. Um ökonomisch im Kampf bestehen zu können, müssen die Abfangwaffen deutlich günstiger werden, da die rund 4 Millionen Euro teuren Patriot-Lenkflugkörper nicht die richtige Lösung darstellen.
Der Datenfluss aus Beobachtungssystemen und der Einsatz von KI-Waffen erhöhen das Tempo im Gefecht erheblich. Deutsche Militärs haben in ukrainischen Gefechtsständen beobachtet, wie Informationen im Sekundentakt eintreffen, ausgewertet und zur Bekämpfung des Gegners genutzt werden.
Aufholjagd der Bundeswehr
Die Daten erleichtern auch den Einsatz unbemannter und autonomer Waffensysteme. Die Bundeswehr und die deutsche Rüstungsindustrie haben hier einen Rückstand, da es lange Zeit politische Bedenken gegen diese Waffensysteme gab. Russlands erklärtes Ziel ist es, seine Streitkräfte auf 1,5 Millionen aktive Soldaten zu vergrößern, was voraussichtlich noch in diesem Jahr erreicht wird.
Erwartungen an die russischen Streitkräfte
Westliche Militärexperten gehen davon aus, dass Russland nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs innerhalb von zwei Jahren über mehr als 20 Divisionen in den neu angelegten westlichen Militärbezirken verfügen könnte. Eine Division kann in den russischen Streitkräften zwischen 10.000 und 20.000 Soldaten umfassen.
Im Vergleich dazu besteht das deutsche Feldheer derzeit aus drei Divisionen, darunter die 1. und 10. Panzerdivision sowie die Division Schnelle Kräfte (DSK), die als leichte und hochbewegliche Infanterie fungiert. Eine deutsche Division umfasst inklusive Unterstützungskräften etwa 20.000 Soldaten. Im Ernstfall würden die deutschen Divisionen zusammen mit anderen NATO-Verbündeten kämpfen.
Technologische Überlegenheit und elektronische Kriegsführung
Die russischen Großverbände als potenzieller Gegner werden jedoch kampferfahren sein und über moderne Fähigkeiten im elektronischen Kampf verfügen. Dies beinhaltet die Störung gegnerischer Kommunikation und Sensoren, während eigene Systeme geschützt werden.
Um unter den veränderten Bedingungen auf dem Gefechtsfeld beweglich und handlungsfähig zu bleiben, ist ein sogenannter Schutzschirm erforderlich. Dieser Schutzschirm umfasst Tarnung, Sensoren und Warnmittel gegen Angriffe des Gegners sowie den eigenen Waffensystemen. Der Schutzschirm reicht vom Einzelschützen bis hin zu Luftverteidigungssystemen.
Die Bundeswehr und ein möglicher Gegner werden in den Kampfgebieten um den Aufbau und den dauerhaften Erhalt ihrer eigenen Schutzschirme ringen müssen, wobei sich diese teils überlagern. Es wird Phasen geben, in denen unbemannte Systeme gegeneinander antreten.
Russland wird im elektronischen Kampf besondere Fähigkeiten zugesprochen, während die Bundeswehr diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten nicht die nötige Aufmerksamkeit gewidmet hat. Ein wichtiger Aspekt für die kämpfende Truppe der Bundeswehr ist auch die Digitalisierung ihrer Kommunikation, die jedoch derzeit mit Verzögerungen und erheblichen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
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