Das KI-Modell Claude Mythos des Unternehmens Anthropic entdeckt Softwareanfälligkeiten in einem beispiellosen Tempo. Ein potenzieller Missbrauch könnte Cyberangriffe begünstigen. Banken und Aufsichtsbehörden sind alarmiert: Ist das Finanzsystem so verletzlich wie nie zuvor?
Ein neues Risiko für das Finanzsystem
Auf den ersten Blick mag es sich um ein Thema handeln, das vor allem IT-Experten interessiert: Eine neuartige Künstliche Intelligenz identifiziert Schwachstellen in Software schneller als je zuvor. Doch genau dies könnte im globalen Finanzsystem zu einem erheblichen Stabilitätsrisiko führen, da Banken, Börsen, Zahlungsdienstleister und Versicherungen auf sichere und funktionierende Software angewiesen sind.
Wenn Künstliche Intelligenz Sicherheitslücken schneller aufspürt, besteht die Gefahr, dass diese auch von Kriminellen rascher ausgenutzt werden. Experten warnen bereits vor einem systemischen Risiko für das globale Finanzsystem. Verbraucher im Visier: Milliardenschäden durch moderne Betrugsmaschen im Internet
Auslöser dieser Diskussion ist das neue KI-Modell Claude Mythos des US-Unternehmens Anthropic. In Testläufen soll es bereits Tausende von kritischen Sicherheitslücken, sogenannte Zero-Days, entdeckt haben, die zuvor über Jahrzehnte hinweg unentdeckt blieben. Darüber hinaus kann es eigenständig komplexe Cyberangriffe programmieren.
Warnungen von Aufsichtsbehörden
Die Europäische Zentralbank (EZB) betrachtet dies als ernsthafte Bedrohung für das Finanzsystem und hat kürzlich ein Nottreffen europäischer Banken einberufen. Der Financial Stability Board (FSB), der zentrale internationale Finanzstabilitätswächter der G20, spricht von „neuen und fortgeschrittenen Risiken für die globale Finanzstabilität“.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in KI-Modellen wie Mythos eine Gefahr für das globale Finanzsystem und warnt vor einem „potenziellen makrofinanziellen Schock“. Laut einer Analyse des IWF könnten extreme Verluste durch Cybervorfälle zu Finanzierungsengpässen führen, das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit von Institutionen erschüttern und weitreichende Marktverwerfungen nach sich ziehen.
Die Gefahren eines Angriffs auf SWIFT
Man stelle sich vor, ein so mächtiges KI-Modell wie Mythos richtet seinen Fokus auf die globale Bankinfrastruktur, insbesondere auf das zentrale Nachrichtensystem SWIFT, über das Banken weltweit Zahlungsaufträge und Finanznachrichten sicher austauschen.
Die möglichen Schäden wären enorm. Angreifer könnten Zahlungsströme in Milliardenhöhe manipulieren und das Vertrauen in Banken sowie das gesamte Finanzsystem untergraben. Anthropic selbst hält seine neue KI für so gefährlich, dass sie bislang weitgehend unter Verschluss gehalten wird, plant jedoch, sie in den kommenden Wochen für alle Kunden zugänglich zu machen.
Project Glasswing: Schutz kritischer IT
Bisher haben nur ausgewählte Unternehmen und Organisationen im Rahmen von „Project Glasswing“ kontrollierten Zugang zu Claude Mythos. Dazu zählen unter anderem Amazon, Microsoft, Apple, Google, Nvidia und JPMorgan Chase. Ziel ist es, Sicherheitslücken in kritischer Softwareinfrastruktur schneller zu identifizieren und zu schließen.
Experten bezeichnen Mythos als klassische „Dual-Use-Technologie“: Das neue KI-Modell fungiert nicht nur als ultimative Cyberwaffe, sondern auch als effektives Werkzeug zur Abwehr von Cyberangriffen.
Europäische Banken im Hintertreffen
Die EU-Behörde für Cybersicherheit (ENISA) soll ebenfalls Zugang zum KI-Modell Mythos erhalten, wobei die genauen Bedingungen noch ausgehandelt werden müssen. Bis dahin bleiben europäische Banken außen vor, müssen jedoch laut Experten bereits jetzt aktiv werden.
Luis de Guindos, scheidender EZB-Vizepräsident, ist überzeugt, dass Banken im Euroraum mehr in Cybersicherheit investieren müssen. „Wir müssen das Bewusstsein der Finanzinstitute schärfen, dass zusätzliche Investitionen in Cybersicherheit erforderlich sind“, betont er.
Dringlichkeit beim Schließen von Sicherheitslücken
Experten weisen darauf hin, dass die sogenannten „Patch-Gaps“ entscheidend sind, also die Zeitspanne zwischen dem Auffinden und dem Schließen einer Sicherheitslücke. In der Vergangenheit ließen sich Banken oft wochenlang Zeit, was in der neuen Ära der Künstlichen Intelligenz Cyberkriminellen Tür und Tor öffnen könnte.
Für die Banken bedeutet dies, dass sie mehr in Personal investieren müssen. Daniel Kröger, Portfoliomanager bei DWS, hebt hervor: „Banken müssen jetzt mehr Geld ausgeben, um Mitarbeiter einzustellen, die diese Lücken möglichst rasch schließen.“
Der schwindende Zeitvorsprung der Verteidiger
Die Zeit drängt: Es geht nicht nur um Anthropic und Claude Mythos, sondern auch um vergleichbare KI-Modelle, die möglicherweise bald kriminellen Akteuren oder Nationalstaaten wie Russland und China zur Verfügung stehen könnten.
Logan Graham, Leiter des IT-Sicherheitsteams von Anthropic, warnt im US-Magazin Wired: „Wir müssen uns jetzt auf eine Welt vorbereiten, in der diese Fähigkeiten in 6, 12, 24 Monaten breit verfügbar sein werden.“
KI als Stresstest für Banken und Aufseher
Das KI-Modell Mythos von Anthropic ist ein Weckruf für Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden. Die Stabilität des globalen Finanzsystems steht auf dem Spiel. Die Finanzkrise von 2008 hat eindrücklich gezeigt, dass oft schon ein Gerücht über mögliche Schwierigkeiten einer Bank ausreicht, um große Marktverwerfungen auszulösen.
Die unerwarteten Fähigkeiten von Claude Mythos sind ein Signal, die Verteidigung schnellstmöglich zu verstärken. Europäische Banken müssen darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten, da Project Glasswing US-Institutionen derzeit einen Zeitvorsprung beim Schließen von Sicherheitslücken verschafft.
Internationale Kooperationen zwischen KI-Entwicklern, Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden sind jetzt dringender denn je erforderlich, da Cyberkriminalität keine Grenzen kennt – ebenso wenig wie Finanzkrisen.
Zusätzlich sollten die Banken auf die aktuellen Entwicklungen in der Cyberkriminalität achten. Vorsicht: Betrügerische Mails richten sich gegen Sparkassen-Kunden
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Quellen: tagesschau, Der Spiegel