Der Klimawandel führt zu einem Anstieg des Meeresspiegels, während gleichzeitig der Boden unter Venedig absinkt. Experten warnen, dass die Lagunenstadt möglicherweise eines Tages ins Landesinnere umziehen muss.
Venedig befindet sich nur knapp über dem Meeresspiegel, der in den letzten 150 Jahren um etwa 30 Zentimeter gestiegen ist. Um die Stadt vor Hochwasser zu schützen, wurde das Sturmflutsperrwerk MOSE (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) installiert. Diese Anlage verfügt über bewegliche Fluttore, die sich bei drohender Überflutung schließen.
Hochwasserschutzmaßnahmen und ihre Kosten
Die Kosten für die Hochwassersperranlage belaufen sich auf über sechs Milliarden Euro. Jedes Mal, wenn die Barrieren hoch- oder abgesenkt werden, entstehen Kosten von rund 200.000 Euro. Sollte die bestehende Infrastruktur nicht mehr ausreichen, drohen weitaus höhere Ausgaben. Piero Lionello, ein Experte für Hochwasser-Prävention von der Universität Salento, warnt in einer aktuellen Studie:
„Wir können Venedig noch eine Zeit lang schützen, ein paar Jahrzehnte, vielleicht etwas länger, aber nicht auf unbestimmte Zeit, wenn der Meeresspiegel weiter steigt.“
Globale Herausforderungen durch den Klimawandel
Die Meeresspiegel steigen weltweit, und Küstenregionen sind zunehmend betroffen. Corinna Schrum, Ozeanografin am Helmholtz-Zentrum Hereon, bestätigt, dass die Pegelstände an europäischen Küsten bis zum Ende dieses Jahrhunderts um bis zu einem Meter ansteigen könnten, wenn der Klimawandel ungebremst fortschreitet. Sie betont die Notwendigkeit,
„den Anstieg der Meeresspiegel im Auge zu behalten“
und sich auf zukünftige Entwicklungen vorzubereiten.
Sinkende Städte: Venedig und Jakarta im Vergleich
Venedig ist nicht die einzige Stadt, die mit dem Problem des steigenden Wassers konfrontiert ist. Auch Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, sinkt aufgrund von übermäßigem Grundwasserentzug. In den letzten 100 Jahren ist Venedig um mehr als 20 Zentimeter abgesunken, während Teile Jakartas sogar um bis zu 25 Zentimeter pro Jahr sinken. Um dem Problem zu begegnen, plant Indonesien, die Hauptstadt nach Borneo zu verlegen und dort eine neue Stadt namens Nusantara zu errichten. Der Erfolg dieses Projekts bleibt jedoch ungewiss.
Die Möglichkeit eines Umzugs für Venedig
Die Autoren der Studie über Venedig haben berechnet, dass ein Umzug der Stadt in der Zukunft notwendig werden könnte, jedoch später als in Jakarta. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als 4,5 Meter, was nach den Prognosen der Forscher nach dem Jahr 2300 möglich ist, könnte ein Umzug erforderlich werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird ein Anstieg von etwa 40 bis 80 Zentimetern erwartet, wobei im schlimmsten Fall auch bis zu 180 Zentimeter möglich sind, wenn die Treibhausgasemissionen nicht reduziert werden. Die Kosten für eine Verlegung Venedigs könnten bis zu 100 Milliarden Euro betragen.
Technologische Lösungen und ihre Herausforderungen
Die Niederlande gelten als Vorbild im Hochwasserschutz, da mehr als ein Viertel des Landes unter dem Meeresspiegel liegt. Die Niederländer haben zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um sich an den Anstieg des Meeresspiegels anzupassen, darunter Deiche, Deltawerke und innovatives Wassermanagement. Corinna Schrum erklärt, dass die Niederlande bis zu einem Anstieg von vier bis fünf Metern anpassungsfähig bleiben könnten.
Für Venedig gibt es ebenfalls technische Lösungen, um die Hochwassergefahr zu mindern. Eine Möglichkeit wäre der Bau ringförmiger Deiche, die das Stadtzentrum von der restlichen Lagune abtrennen. Die geschätzten Kosten hierfür liegen bei bis zu 4,5 Milliarden Euro. Eine andere Option wäre der Bau eines großen Damms, dessen Kosten auf über 30 Milliarden Euro geschätzt werden, was jedoch gravierende Auswirkungen auf das Ökosystem der Lagune hätte.
Nachhaltige Stadtentwicklung als Schlüssel
Corinna Schrum sieht die Möglichkeit eines Umzugs Venedigs als nicht zwingend an. Sie betont, dass es noch viele Optionen gibt, um die Stadt zu schützen, auch wenn diese kostspielig sind und Vor- und Nachteile mit sich bringen.
„Es gibt viel, was man tun kann, man muss nicht gleich alle Städte abreißen und auch Venedig nicht,“
sagt sie. Der Fokus sollte auf nachhaltiger Stadtentwicklung liegen, einschließlich der Planung von Schleusen und Entwässerungsanlagen in Küstenstädten.
Die Situation in Venedig verdeutlicht, dass Lebensräume, Ökosysteme und kulturelle Schätze gefährdet sind, wenn der Klimawandel ungebremst voranschreitet. Die zentrale Frage ist nicht mehr, ob der Meeresspiegel steigt, sondern wie gut Städte und Küstenregionen auf diese Herausforderung vorbereitet sind.
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